tom.rau
07.05.2009, 09:26
Die Kür ist längst zur Pflicht geworden
04 Mai 2009 Südkurier
VON MARGIT HUFNAGEL
Wer im großen Teich der öffentlichen Aufmerksamkeit auch die kleinen Fische erwischen will, der muss mit einem engmaschigen Netz arbeiten. Und das ist für viele Parteien das Internet. In Wahlkampfzeiten werden die Geflechte besonders eifrig geknüpft, um im World Wide Web nach Wählerstimmen zu fischen. Von der CDU über die Grünen bis hin zur Linken – die politischen Vereinigungen in Baden-Württemberg setzen längst nicht mehr nur auf Plakate und den samstäglichen Infostand auf dem Marktplatz. Der klassische Internet-Auftritt gehört seit Jahren zur Pflicht, wer heute etwas auf sich hält, bloggt, twittert und ist Mitglied bei Studi-VZ, Flickr und Facebook. „Wir wissen, dass wir nicht stehenbleiben können“, sagt Dirk Baranek, Sprecher der SPD in Baden-Württemberg. Schon gar nicht im Superwahljahr 2009. Und so weht ein Hauch von Obama durch die deutsche Parteienlandschaft – oder zumindest ein laues Lüftchen. Denn während in Amerika der virtuelle Kontakt zwischen Politik und Volk seit Jahren gepflegt wird, holen Politiker in Deutschland meist nur zu Wahlkampfzeiten zum interaktiven Rundumschlag aus. „Aber das ist zu spät“, betont Christoph Bieber, Politikwissenschaftler aus Gießen. Wer Wähler gewinnen will, muss seine Online-Aktivitäten langfristig pflegen. „Das braucht Zeit – und die haben die Parteien bis zur Wahl nicht mehr.“ Schon gar nicht, um die Nutzungsgewohnheiten der Deutschen umzukrempeln. Denn während es für den neuen US-Präsidenten ein Leichtes war, über das Internet Menschen zu mobilisieren, dürfte das CDU, SPD und Co. kaum gelingen. „Die Deutschen nutzen das Netz eher als Konsumenten, weniger als Produzenten“, sagt Christoph Bieber. Eine Theorie, die die Parteien im Südwesten in der Praxis unisono bestätigen können. Das politische Mitmach-Web tritt zwar lautstark auf, wird aber von der Zielgruppe dennoch überhört. „Die Parteien sind überaltert, es fehlt unseren Mitgliedern oft an Medienkompetenz und technischem Wissen“, gibt SPD-Mann Baranek zu. Doch nicht nur bei den Mitgliedern stockt der virtuelle Fortschritt: „Wir haben eben auch Entscheidungsträger an wichtigen Stellen, denen die Bedeutung von Web 2.0 nicht klar ist“, bekennt Markus Lochmann von der baden-württembergischen FDP – seine Vorsitzende etwa betreibt keinen Blog. Genausowenig übrigens wie Ministerpräsident Günther Oettinger. „Unser Ministerpräsiden ist vor allem viel im Land unterwegs“, sagt Uwe Wiedmann von der Südwest-CDU. Und trotzdem fühlt er sich, wie alle anderen auch, in der Pflicht, seine Partei in eben jene Welt des Web 2.0 zu führen – wenn auch in Gänseschritten und nach der Methode „Abwarten und Beobachten“. „Der Wahlkampf ohne Web ist völlig undenkbar geworden“, so Lochmann. „Ich werde jeden Weg, der technisch machbar ist, auch mitgehen – weil wir da hin müssen, wo unsere Wähler sind.“ Genau das ist auch das Ziel der Grünen: „Wir müssen das als Chance begreifen, für eine neue demokratische Beteiligung“, betont Thilo Berner (Bündnis 90/Die Grünen). Und doch ist auch für seine Partei das zentrale Informationsportal die Homepage www.gruene-bw.de (http://www.gruene-bw.de) – und eben nicht die Mitmach-Seiten. Der Blog der Grünen wurde erst im Februar gestartet, die Facebook-Gruppe im September 2008 – „wenn auch mit begrenzten Mitgliederzahlen“. Das Internet bleibt eine Einbahnstraße: Zwar wird Information abgerufen, doch Reaktionen oder gar politische Teilhabe wird bislang nicht generiert. „Das politische Bloggen ist bei uns noch wenig ausgeprägt“, sagt Uwe Wiedmann. Aufs Einmischen scheint der Durchschnittsdeutsche anders als die Amerikaner wenig Lust zu verspüren. „Eben genauso wenig, wie man in Deutschland seinen Vorgarten mit Wahlkampfplakaten pflastern würde“, erklärt Politikwissenschaftler Christoph Bieber. Aufgeben dürfte dennoch für die Parteien im Südwesten im Superwahljahr 2009 keine Option sein. Die Nischen müssen besetzt sein, selbst wenn der Aufwand größer ist als der Nutzen. Immerhin: „95 Prozent der Neumitglieder kommen über das Internet“, sagt Baranek. Noch einen anderen Vorteil hat die SPD aus dem direkten Nachrichtenfluss zwischen Partei und Wähler ausgemacht: „Wir wollen die Medien, ihre Wächterfunktion ausschalten und unsere Botschaft ungefiltert rüberbringen“, erklärt Baranek. Kritische Fragen von Journalisten können eben wertvolle Wählerstimmen kosten. Eine Haltung, die keineswegs neu ist. Auch der neue US-Präsident Barack Obama hat in seinem Wahlkampf das Internet genutzt, um gezielt die etablierten Medien zu umschiffen. Nicht mehr die großen Fernseh-Duelle dominierten den Wettlauf zwischen Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer John McCain, sondern die Online-Aktivitäten: Videos, Spendenaufrufe, virtuelle Parteizentralen, Podcasts, die Mitgliedschaft in sogenannten „social networks“ (dt. Soziale Netzwerke) wie myspace oder facebook. „Obama hat das Internet nicht erfunden, aber er hat es am besten verstanden, die Möglichkeiten zu nutzen“, sagt Christoph Bieber. Plötzlich zählte nicht mehr nur die Einschaltquote nach einem TV-Auftritt oder die Auflage der Zeitung, sondern auch, wie viele „Freunde“ die Kandidaten bei den „social networks“ finden konnten. 2,9 Millionen Textnachrichten verschickte Obamas Team als es einen Vizepräsidentschafts-Kandidaten verkünden konnte. „Alleine das dürfte so viel gekostet haben, wie deutschen Parteien für ihren kompletten Online-Wahlkampf zur Verfügung steht“, vermutet Bieber. Für Obama hat es sich gelohnt – aber auch, weil er eine wichtige Frage beantworten kann: die nach der Nachhaltigkeit. Die Blogs wurden nach dem Wahlsieg nicht abgestellt die E-Mails werden weiter verschickt „Das ist nicht mehr Wahlkampf 2.0 das ist Regieren 2.0“, bestätigt Bieber. Fast schon wie der Kampf des Galliers Asterix gegen die übermächtigen Römer nimmt sich da die Haltung der Partei „Die Linke“ in Baden-Württemberg aus: „Im Bezug auf die Prioritätensetzung gilt für die Linke nach wie vor eine starke Fokussierung auf den direkten und sehr klassischen Kontakt mit Bürgern“, lässt sie über ihren Webmaster Gregor Mohlberg verkünden Eine „Grundversorgung“ stellt auch Mohlberg sicher – aber „eine Internetstrategie der Linken als Landesverband Baden-Württemberg existiert im eigentlichen Sinne nicht“.
Source:
MONTAG, 4. MAI 2009 SÜDKURIER NR. 101 / MP 3
http://www.suedkurier.de/_/epaper/index.html?frame=javascript&ID=12053
04 Mai 2009 Südkurier
VON MARGIT HUFNAGEL
Wer im großen Teich der öffentlichen Aufmerksamkeit auch die kleinen Fische erwischen will, der muss mit einem engmaschigen Netz arbeiten. Und das ist für viele Parteien das Internet. In Wahlkampfzeiten werden die Geflechte besonders eifrig geknüpft, um im World Wide Web nach Wählerstimmen zu fischen. Von der CDU über die Grünen bis hin zur Linken – die politischen Vereinigungen in Baden-Württemberg setzen längst nicht mehr nur auf Plakate und den samstäglichen Infostand auf dem Marktplatz. Der klassische Internet-Auftritt gehört seit Jahren zur Pflicht, wer heute etwas auf sich hält, bloggt, twittert und ist Mitglied bei Studi-VZ, Flickr und Facebook. „Wir wissen, dass wir nicht stehenbleiben können“, sagt Dirk Baranek, Sprecher der SPD in Baden-Württemberg. Schon gar nicht im Superwahljahr 2009. Und so weht ein Hauch von Obama durch die deutsche Parteienlandschaft – oder zumindest ein laues Lüftchen. Denn während in Amerika der virtuelle Kontakt zwischen Politik und Volk seit Jahren gepflegt wird, holen Politiker in Deutschland meist nur zu Wahlkampfzeiten zum interaktiven Rundumschlag aus. „Aber das ist zu spät“, betont Christoph Bieber, Politikwissenschaftler aus Gießen. Wer Wähler gewinnen will, muss seine Online-Aktivitäten langfristig pflegen. „Das braucht Zeit – und die haben die Parteien bis zur Wahl nicht mehr.“ Schon gar nicht, um die Nutzungsgewohnheiten der Deutschen umzukrempeln. Denn während es für den neuen US-Präsidenten ein Leichtes war, über das Internet Menschen zu mobilisieren, dürfte das CDU, SPD und Co. kaum gelingen. „Die Deutschen nutzen das Netz eher als Konsumenten, weniger als Produzenten“, sagt Christoph Bieber. Eine Theorie, die die Parteien im Südwesten in der Praxis unisono bestätigen können. Das politische Mitmach-Web tritt zwar lautstark auf, wird aber von der Zielgruppe dennoch überhört. „Die Parteien sind überaltert, es fehlt unseren Mitgliedern oft an Medienkompetenz und technischem Wissen“, gibt SPD-Mann Baranek zu. Doch nicht nur bei den Mitgliedern stockt der virtuelle Fortschritt: „Wir haben eben auch Entscheidungsträger an wichtigen Stellen, denen die Bedeutung von Web 2.0 nicht klar ist“, bekennt Markus Lochmann von der baden-württembergischen FDP – seine Vorsitzende etwa betreibt keinen Blog. Genausowenig übrigens wie Ministerpräsident Günther Oettinger. „Unser Ministerpräsiden ist vor allem viel im Land unterwegs“, sagt Uwe Wiedmann von der Südwest-CDU. Und trotzdem fühlt er sich, wie alle anderen auch, in der Pflicht, seine Partei in eben jene Welt des Web 2.0 zu führen – wenn auch in Gänseschritten und nach der Methode „Abwarten und Beobachten“. „Der Wahlkampf ohne Web ist völlig undenkbar geworden“, so Lochmann. „Ich werde jeden Weg, der technisch machbar ist, auch mitgehen – weil wir da hin müssen, wo unsere Wähler sind.“ Genau das ist auch das Ziel der Grünen: „Wir müssen das als Chance begreifen, für eine neue demokratische Beteiligung“, betont Thilo Berner (Bündnis 90/Die Grünen). Und doch ist auch für seine Partei das zentrale Informationsportal die Homepage www.gruene-bw.de (http://www.gruene-bw.de) – und eben nicht die Mitmach-Seiten. Der Blog der Grünen wurde erst im Februar gestartet, die Facebook-Gruppe im September 2008 – „wenn auch mit begrenzten Mitgliederzahlen“. Das Internet bleibt eine Einbahnstraße: Zwar wird Information abgerufen, doch Reaktionen oder gar politische Teilhabe wird bislang nicht generiert. „Das politische Bloggen ist bei uns noch wenig ausgeprägt“, sagt Uwe Wiedmann. Aufs Einmischen scheint der Durchschnittsdeutsche anders als die Amerikaner wenig Lust zu verspüren. „Eben genauso wenig, wie man in Deutschland seinen Vorgarten mit Wahlkampfplakaten pflastern würde“, erklärt Politikwissenschaftler Christoph Bieber. Aufgeben dürfte dennoch für die Parteien im Südwesten im Superwahljahr 2009 keine Option sein. Die Nischen müssen besetzt sein, selbst wenn der Aufwand größer ist als der Nutzen. Immerhin: „95 Prozent der Neumitglieder kommen über das Internet“, sagt Baranek. Noch einen anderen Vorteil hat die SPD aus dem direkten Nachrichtenfluss zwischen Partei und Wähler ausgemacht: „Wir wollen die Medien, ihre Wächterfunktion ausschalten und unsere Botschaft ungefiltert rüberbringen“, erklärt Baranek. Kritische Fragen von Journalisten können eben wertvolle Wählerstimmen kosten. Eine Haltung, die keineswegs neu ist. Auch der neue US-Präsident Barack Obama hat in seinem Wahlkampf das Internet genutzt, um gezielt die etablierten Medien zu umschiffen. Nicht mehr die großen Fernseh-Duelle dominierten den Wettlauf zwischen Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer John McCain, sondern die Online-Aktivitäten: Videos, Spendenaufrufe, virtuelle Parteizentralen, Podcasts, die Mitgliedschaft in sogenannten „social networks“ (dt. Soziale Netzwerke) wie myspace oder facebook. „Obama hat das Internet nicht erfunden, aber er hat es am besten verstanden, die Möglichkeiten zu nutzen“, sagt Christoph Bieber. Plötzlich zählte nicht mehr nur die Einschaltquote nach einem TV-Auftritt oder die Auflage der Zeitung, sondern auch, wie viele „Freunde“ die Kandidaten bei den „social networks“ finden konnten. 2,9 Millionen Textnachrichten verschickte Obamas Team als es einen Vizepräsidentschafts-Kandidaten verkünden konnte. „Alleine das dürfte so viel gekostet haben, wie deutschen Parteien für ihren kompletten Online-Wahlkampf zur Verfügung steht“, vermutet Bieber. Für Obama hat es sich gelohnt – aber auch, weil er eine wichtige Frage beantworten kann: die nach der Nachhaltigkeit. Die Blogs wurden nach dem Wahlsieg nicht abgestellt die E-Mails werden weiter verschickt „Das ist nicht mehr Wahlkampf 2.0 das ist Regieren 2.0“, bestätigt Bieber. Fast schon wie der Kampf des Galliers Asterix gegen die übermächtigen Römer nimmt sich da die Haltung der Partei „Die Linke“ in Baden-Württemberg aus: „Im Bezug auf die Prioritätensetzung gilt für die Linke nach wie vor eine starke Fokussierung auf den direkten und sehr klassischen Kontakt mit Bürgern“, lässt sie über ihren Webmaster Gregor Mohlberg verkünden Eine „Grundversorgung“ stellt auch Mohlberg sicher – aber „eine Internetstrategie der Linken als Landesverband Baden-Württemberg existiert im eigentlichen Sinne nicht“.
Source:
MONTAG, 4. MAI 2009 SÜDKURIER NR. 101 / MP 3
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